Perfektionismus bei Müttern: Selbstwert & Stress bei Besuch

Wer kennt es nicht: Dein Partner schlendert in die Küche und sagt beiläufig:
„Meine Eltern kommen übrigens heute Nachmittag.“

Sofort scannst du den Raum. Krümel auf dem Boden, das Geschirr vom Frühstück steht noch herum, und eigentlich wolltest du gestern schon saugen. Während er etwas sagt wie: „Beruhig dich, sind doch nur meine Eltern“, breitet sich in dir ein hektisches Gefühl aus, das sich kaum in Worte fassen lässt. Man will performen, abliefern, ja nicht versagen – und doch weiß man oft nicht genau, warum dieses kleine Ereignis solchen Stress auslöst.

Warum denken wir so?

Dieser Stress, in den wir in solchen Situationen verfallen, ist real und das Produkt von jahrhundertelang eingeprägten Rollenbildern.

Sehr lange war es nämlich so, dass der soziale Status einer Frau direkt an den Zustand ihres Hauses gekoppelt war. Sauberkeit, Ordnung und Bewirtung entschieden über die „Tauglichkeit“ der Frau. Ein ungepflegter Haushalt hatte direkte Auswirkungen auf den Ruf, das soziale Netzwerk und die Heiratschancen der Kinder. Verstärkt wurde diese Bewertung dadurch, dass Frauen sonst bei kaum etwas bewertet wurden. Während Männer durch ihr Können glänzten, durften Frauen die meisten Tätigkeiten nicht erlernen.

Moderne Verstärkung statt Auflösung

Jetzt möchte man meinen, wir wären mittlerweile gleichberechtigt genug. Frauen dürfen im Prinzip alles machen und lernen. Warum also fühlen wir uns trotzdem, als würde unser Wohnraum über unseren Wert entscheiden?

Social Media als Verstärker

Wir sehen dauerhaft scheinbar perfekte Wohnungen und Häuser von scheinbar perfekten Menschen, und auch wenn wir theoretisch wissen, dass das so nicht stimmt, versteht unser Gehirn das nicht. Unser Hirn sieht: Achtung! Die ist besser als du!

Wir sind eben nicht gleichberechtigt

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als wären wir gleichberechtigt im Leben, ist das eben nicht so. Zumindest in den meisten Haushalten. Ja, wir Frauen dürfen jetzt arbeiten und uns unseren Job aussuchen, aber die meisten Männer sind nach wie vor nur eine „Hilfe“ im Haushalt (wenn überhaupt).

Eine Hilfe zu sein klingt jetzt vielleicht auch erst einmal gut, aber das ist genau das Problem. Es ist okay für uns, wenn unser Mann uns hilft. Aber das sagt auch, dass es unser Job ist, bei dem er hilft. Dass es unser Haushalt ist. Unser Job.

Wir gehen also arbeiten und erledigen danach unseren Job zu Hause. Das ist eine doppelte Belastung. Kommen dann auch noch Kinder hinzu, bei denen der Mann auch nur „hilft“, ist es sogar schon eine dreifache Belastung für uns. Drei Jobs, in denen wir perfekt sein wollen.

Die psychologische Wirkung

Perfektionismus ist nicht nur lästig, er belastet mental. Schuldgefühle schleichen sich ein, der Stresspegel steigt, und selbst kleine Aufgaben fühlen sich plötzlich wie unüberwindbare Hindernisse an. Diese permanente Anspannung beeinflusst nicht nur die eigene Stimmung, sondern auch den Alltag mit Kind, Partner und Beruf. Jede scheinbare Kleinigkeit kann so zu einem Berg werden.

Warum Entspannungstipps zu kurz greifen

Spontan leider gar nicht, fürchte ich. Das Problem lässt sich nicht durch eine Entspannungsübung wegzaubern. Wir müssen aufhören, die Symptome zu behandeln. Nicht der Putzstress ist das Problem, sondern die Rollenverteilung und die Bewertungslogik.

Besuch und Bewirtung sind nicht ihr Thema. Auch Organisation und Atmosphäre sind nicht allein ihr Thema.

Wir müssen unsere Grenzen kennenlernen und in den Dialog mit unseren Männern gehen. Der mentale Dauerstress, unter dem die meisten Frauen leiden, ist nicht nur ungesund für den Körper, sondern lässt langfristig auch Beziehungen scheitern. Zu viel Stress stumpft ab, und es sollte auch in seinem Interesse sein, dass das nicht passiert.

Es ist unser Haushalt und nicht ihrer, bei dem er mithilft.

Leider stößt man dabei oft auf taube Ohren. Was das für einen bedeutet, muss jede für sich selbst entscheiden. Aber man kann auch an sich arbeiten. Man kann versuchen, sich selbst besser über den eigenen Wert bewusst zu werden – und woran dieser tatsächlich geknüpft ist oder eben nicht. Wenn man weiß, was man kann, und sich das wirklich ins Bewusstsein holt, ist das Gefühl weniger präsent, über den Wohnraum bewertet zu werden.

Was Kinder davon lernen

Ob man nun will oder nicht: Dinge werden von Generation zu Generation weitergegeben, außer man verändert bewusst etwas daran.

Kinder lernen am Beispiel, und leider ist es so, dass sich Jungs eher am Vater orientieren. Beobachte, was er dabei sieht.

Geh mit deinen Kindern in den Dialog. Erkläre, wenn dein Kind etwas gesehen hat, das dir widerspricht.

Gib deinen Kindern einen eigenen Handlungsraum. Einen Raum, für den sie verantwortlich sind. So entsteht nicht das Bild, dass Mama (Frau) alles macht. Zu dem Thema habe ich bereits einen Beitrag veröffentlicht. Falls dich das interessiert, findest du ihn hier verlinkt.

Was nehmen wir also daraus mit?

Vielleicht ist genau das der erste Schritt: zu erkennen, dass dieser Stress kein persönliches Versagen ist. Dass er nicht entsteht, weil du zu empfindlich bist, zu unorganisiert oder nicht „entspannt genug“. Sondern weil über Generationen hinweg gelernt wurde, den Wert von Frauen an Räume, Ordnung und Fürsorge zu knüpfen – und diese Logik bis heute wirkt.

Du musst dieses System nicht von heute auf morgen verändern. Aber du darfst beginnen, es nicht mehr vollständig zu bedienen. Du darfst innehalten, wenn der innere Alarm losgeht, und dir bewusst machen: Ein ungesaugter Boden sagt nichts über deine Kompetenz, deine Liebe oder deinen Wert aus. Er sagt nur, dass hier Menschen leben.

Veränderung beginnt oft leise. In Gesprächen, die unbequem sind. In Momenten, in denen du Verantwortung teilst, statt sie automatisch zu tragen. Und auch darin, was deine Kinder sehen dürfen: dass Haushalt keine weibliche Leistungsschau ist, sondern gemeinsamer Alltag.

Der Besuch wird gehen. Die Krümel werden wiederkommen. Was bleibt, ist die Frage, wie viel von dir du bereit bist, weiterhin an Erwartungen abzugeben, die nie fair verteilt waren.

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