„Dafür bist du noch zu klein“ – warum ich diesen Satz (fast) nie zu meinem Kind sage
Aus mutigen Kindern werden selbstbestimmte Erwachsene. Das hängt natürlich noch von weit mehr Dingen ab, aber wir lernen früh, ob wir uns etwas zutrauen – und ob andere es tun.
Also vielleicht ist es nicht das Geheimnis sondern eins davon. Schließlich besteht ein harmonisches Zusammenleben mit Kindern aus einem komplexen Puzzle, das es zu lösen gilt.
„Du bist zu klein dafür.“
„Das kannst du noch nicht.“
„Warte, ich mach das. Das geht schneller.“
„Du machst das nicht richtig.“
Und plötzlich ist man erwachsen und soll alles selbst können und doch bitte für sich einstehen. „Glaub doch mal an dich!“
Ja, wenn das so einfach wäre…
Vertrauen statt aus der Hand nehmen
Genau deshalb versuche ich diesen Satz nur zu meinem Sohn zu sagen, wenn es auch wirklich so ist. Denn für manche Sachen sind Kinder einfach zu klein oder zu jung.
- Zum Achterbahn fahren muss man 1,40m groß sein.
- Für Alkohol mindestens 16.
Aber wann ist ein Kind alt genug für ein Messer?
Mein Vertrauensvorschuss
Seit mein Sohn stehen kann, darf er mir – wenn er will – in der Küche helfen und hat sein eigenes Messer. Und damit meine ich keins aus Plastik, mit dem man im besten Fall eine Banane schneiden kann. Ich habe ihm damals ein altes Küchenmesser mit einem Schleifstahl so stumpf geschliffen, dass man sich nicht mehr damit verletzen kann und das darf er unter Aufsicht benutzen.
Allerdings ist es trotzdem ein normales Messer aus Metall, deshalb entscheide ich manchmal: „Heute lieber nicht – ich glaube du bist heute zu aufgedreht.“
Aber was will ich jetzt damit sagen?
Kinder können nur so viel, wie wir ihnen zutrauen
Ich vertraue ihm, dass er damit umgehen kann, weil ich ihm erklärt habe, was wichtig ist. Er weiß, wo er das Messer halten darf und wo seine Finder nicht hin dürfen.
Ich traue es ihm zu – lasse ihn aber nicht allein. Ich begleite, ohne zu begrenzen.
Alles, was ein Kind lernt, sollte freiwillig passieren. Sobald ich Erwartungen an mein Kind stelle, ist das mit Druck verbunden und die Möglichkeit besteht, enttäuscht zu werden. Denn wer nichts erwartet, kann nie enttäuscht werden.
Allerdings wurde uns eine andere Bedeutung von „Erwartungen“ beigebracht. Aber wenn wir das Wort mal hinterfragen, können wir es neu betrachten.
Was heißt es denn, wenn ich sage: „Ich erwarte, dass du dein Zimmer aufräumst!“
Plötzlich ist das Zimmer aufräumen keine eigenverantwortliche Aufgabe mehr.
Es ist zu einem Zwang geworden.
Ein Zwang, der doch daraus entsteht, dass wir davon ausgehen, das Kind würde es nicht von allein tun, oder?
Und was lernt ein Kind daraus, wenn ich erwarte, dass es Dinge, die es schon selber kann auch selbst erledigt?
Vielleicht lernt es: „Was neues können ist irgendwie doof. Jetzt trägt mich Mama überhaupt nicht mehr die Treppe hoch, weil ich es schon kann. Dabei bräuchte ich gerade ihre Nähe und das Gefühl von Unterstützung.“
Ob die Gedanken von Kindern nun so aussehen, oder nicht. Ich zumindest hab als Kind früh damit aufgehört, dinge selbst können zu wollen und das, obwohl das doch in der Natur von Kindern liegt.
Mein Sohn läuft in aller Regel die Treppen selbst. Wenn er abends aber mal getragen werden will, kommentiere ich es nicht, nehme ihn auf den Arm und trage ihn nach oben.
Was ist jetzt die Essenz des ganzen?
Trau deinem Kind alles zu – aber erwarte nichts.
Selbstständigkeit ist kein Wettbewerb.
Alle Kinder gehen irgendwann aufs Klo, schneiden ihr Essen selbst klein und laufen die Treppen eigenständig. Oder wie viele Erwachsene kennst du, die von ihren Eltern in den ersten Stock getragen werden?
Ich lasse meinen Sohn alles probieren, was er probieren will – und stehe hinter ihm, damit ihm nichts passieren kann.
Er darf selbst scheitern und selbst entscheiden, ob er es nochmal versuchen will oder nicht.
Ich versuche ihm nie zu sagen, was er nicht kann, ohne zu erwarten, dass er es können muss.
Selbstvertrauen entsteht nicht durch Druck, sondern durch Vertrauen.



