Warum schämen sich Frauen für Dinge, die niemandem schaden?

Wie weit reicht weibliche Scham eigentlich wirklich?

Hat sie ihre Grenzen, wenn wir draußen sind? Unter anderen Menschen?

Hat sie ihre Grenzen bei Gesprächen, in denen wir abwägen, ob wir ehrlich antworten dürfen? Ob wir wirklich zu uns stehen können?

Oder reichen ihre Grenzen sogar bis in unsere Fantasie? Bis in unseren eigenen Kopf? Erlauben wir uns, frei zu denken, zu fühlen, zu begehren? Oder limitieren wir selbst unsere eigenen Gedanken?

Warum ist es uns oft sogar vor unserer besten Freundin unangenehm, manches auszusprechen? Vor unserem Partner?

Warum ist es so normal, dass wir uns für Dinge schämen, die niemandem schaden?

Warum schämen sich Frauen oft für ihre Fantasie, während Gewalt in unserer Unterhaltung völlig normal geworden ist?

Fantasie ist nicht Handlung

Nehmen wir als Beispiel Dark-Romance-Romane. Für alle, die Dark Romance nicht kennen:

Dark Romance erzählt Liebesgeschichten dort, wo Moral, Macht und Gefahr aufeinandertreffen. Die Figuren sind selten klassische Helden. Stattdessen bewegen sie sich in einer Welt voller Gewalt, Kriminalität oder psychologischer Abgründe. Genau das macht das Genre für manche faszinierend und für andere völlig unverständlich.

Gerade weil es für viele so unverständlich scheint, fällt es oft schwer, offen dazu zu stehen, es zu lesen.

Ich stelle eine noch gewagtere These auf, denn mir ging es ähnlich. Lange Zeit habe ich mich gar nicht erst getraut, mir ein Buch aus diesem Genre zu holen. Es war mir vor mir selbst unangenehm.

Aber wie kann das sein?

Wovor haben wir Angst?

Ich denke, größtenteils davor, verurteilt zu werden.

Doch warum sollte das bei Dark Romance passieren? Warum sollte es verurteilenswert sein, sich gedanklich in moralische Abgründe zu wagen?

Und wenn dem so ist, sollte es dann nicht genauso verurteilenswert sein, blutrünstige Thriller zu lesen oder True Crime zu hören? Sind das nicht ebenfalls moralische Abgründe, die uns unterhalten? Oder Horrorfilme?

Auch hier geht es doch lediglich um Fantasie.

Niemand denkt, dass ich jemanden ermorden möchte, nachdem ich einen Horrorfilm gesehen habe.

Warum sollte dasselbe also nicht auch für Dark Romance gelten?

Etwa, weil es dabei um weibliche Lust geht? Und darum, dass diese von vornherein schambehaftet ist?

Wir haben Angst davor, abgestempelt zu werden, wenn wir zu unseren Fantasien stehen. Aber warum glauben wir bei sexuellen Fantasien plötzlich, sie würden unseren Charakter beschreiben?

Niemand schaut jemanden an, der True Crime hört, und fragt:

„Hast du Mordfantasien?“

Niemand fragt einen Thriller-Leser:

„Würdest du selbst Menschen zerstückeln?“

Warum stellen wir genau diese Verbindung plötzlich her, sobald es um Sexualität geht?

Denn egal ob Horror oder Erotik – wir müssen klar zwischen Fantasie, Wunsch und Handlung unterscheiden.

Die Fantasie darf sich ausmalen, was auch immer sie möchte. Denn sie betrifft zunächst nur uns selbst.

Erst Handlungen können problematisch werden, weil sie auch andere betreffen.

Frauen schämen sich nach sexueller Gewalt oft selbst, obwohl sie die Betroffenen sind.

Allein diese Tatsache zeigt, wie tief Scham gesellschaftlich verankert sein kann.

Wir schämen uns nicht nur für Sexualität

Aber fängt weibliche Scham überhaupt erst bei Nacktheit an?

Frauen schämen sich oft für:

  • ihren Körper

  • ihre Lust

  • Ehrgeiz

  • Wut

  • Grenzen

  • den Wunsch nach Zeit für sich

  • den Wunsch, attraktiv zu sein

  • den Wunsch, begehrt zu werden

Nicht, weil diese Dinge falsch wären, sondern weil wir früh lernen, welche Version von Frau gesellschaftlich akzeptiert ist.

Wir lernen, wie sich ein gutes Mädchen zu verhalten hat. Was es darf und was nicht.

Und ob wir wollen oder nicht – es beeinflusst uns.

Die eine mehr, die andere weniger.

Niemand hat es uns ausdrücklich gesagt – und trotzdem wussten wir es

Uns muss nicht direkt erklärt werden, was gesellschaftlich okay ist und was nicht.

Mir zum Beispiel musste niemand aktiv erklären, dass es nicht okay ist, jemanden zu ermorden.

Das bekommt man auch so mit.

Genauso ist es mit Scham.

Als kleines Mädchen isst man Eis und plötzlich – ab einem gewissen Alter – kommen die Blicke, die einem zu verstehen geben, dass etwas nicht damit stimmt, wie wir es essen.

Dann vielleicht noch ein mahnender Blick der Mutter, weil man zu genüsslich am Eis geleckt oder es zu tief in den Mund genommen hat.

Wir wissen noch nicht, was es heißt, sexualisiert zu werden.

Aber wir wissen bereits, wie es sich anfühlt.

Und genau dieses Gefühl speichert sich ab.

Es begleitet uns bis ins Erwachsenenalter und hemmt uns, obwohl wir das gar nicht möchten.

Wir erinnern uns nicht mehr an die Witze, die Kommentare oder die Blicke.

Aber wir erinnern uns an das Gefühl, das sie ausgelöst haben.

Und dieses Gefühl bleibt.

Was soll das Thema auf einem Mama-Blog?

Kinder lernen am Vorbild.

Und für mein Kind bin in erster Linie ich als Bezugsperson dieses Vorbild.

Ich möchte meinen Kindern diese unsichtbaren Grenzen nicht weitergeben.

Doch ich glaube, das schaffe ich erst, wenn mir diese Grenzen überhaupt bewusst sind.

Wenn ich bewusst hinschaue, wo ich als Kind gelernt habe, mein Eis anders zu essen.

Denn genau dort kann ich es bei meinem Kind anders machen.

Nicht mein Kind mit einem mahnenden Blick strafen, sondern den Erwachsenen mit unangemessenen Gedanken. Ich kann die unangebrachten Gedanken eines Erwachsenen einordnen und ich kann meinem Kind erklären, warum es nicht zu interessieren hat, was diese Person gerade gesagt oder gedacht hat.

Wir tragen Masken

Wir lernen von klein auf, eine Maske zu tragen.

Mit den Jahren lernen wir, wie sie nicht mehr verrutscht. So lange, bis sie zu einer zweiten Haut wird und wir sie selbst kaum noch bemerken.

Wir sind die Mama, die die Interessen der Familie über ihre eigenen stellt.

Die aufopferungsvoll sein soll – bis sie nicht mehr kann.

Wir sind Frauen, die ihr Bauchgefühl übergehen, weil Widersprechen unbequem ist und Frauen doch so nicht sein sollen.

Wir sind Partnerinnen, die über die Witze der Männer lachen.

Schließlich wollen wir unseren Mann in seiner Männerrunde nicht blöd dastehen lassen.

Irgendwann fragen wir gar nicht mehr:

Was möchte ich eigentlich?

Sondern:

Was darf ich überhaupt wollen?

Ich habe angefangen, mich kennenzulernen

Nachdem mir dieses kollektive Ungleichgewicht bewusst geworden war, konnte ich es plötzlich überall in mir erkennen.

Wo ich mich angepasst und klein gemacht habe.

Wo ich Angst vor mir selbst hatte, weil ich fürchtete, dass da etwas sein könnte, das zu unbequem für die Welt ist – dass ich dann aus dem Raster falle.

Ich habe aufgehört, mich für meine Gedanken zu verurteilen, und angefangen, ehrlich hinzusehen.

Ich habe mir erlaubt, attraktiv zu finden, was ich attraktiv finde.

Ich habe mir erlaubt, die Hörbücher zu hören, die spannend und interessant klangen.

Ich habe versucht, möglichst wertfrei auszuprobieren und nicht darüber zu urteilen, was ich attraktiv finde.

Und wenn ich bei einem Buch gemerkt habe:

„Stopp, das geht mir hier zu weit.“

Dann fein.

Dann habe ich es weggeklickt und mir ein neues gesucht.

Denn genau darum geht es. Nicht alles gut finden zu müssen, sondern ehrlich herauszufinden, was zu uns gehört – und was nicht.

Warum das auch meine Kinder betrifft

Wir als Eltern gestalten die Zukunft mit.

Wir haben einen Teil davon in der Hand, wie unsere Kinder die Welt einmal betrachten werden. Ich habe mit in der Hand, wie mein Sohn über Frauen denken wird. Ich kann mit beeinflussen, ob er patriarchale Vorstellungen weiterträgt und weibliche Scham unterstützt – oder ob er da nicht mitmacht.

Ich möchte ihm vorleben, dass Menschen neugierig auf sich selbst sein dürfen, dass Wünsche nicht automatisch falsch sind, solange sie niemandem schaden – und dass niemand für seine Gedanken oder Fantasien verurteilt werden muss.

Denn Kinder lernen nicht nur, was wir sagen.

Sie lernen, wofür wir uns schämen.

Wie wir uns verhalten.

Und wofür wir uns trauen aufzustehen.

Die eigentliche Freiheit

Frauen brauchen nicht die Erlaubnis von anderen, sie brauchen die Erlaubnis, sich selbst ehrlich kennenzulernen – und die können sie sich nur selbst erteilen.

Denn ich glaube, dass wir unseren Kindern nur die Freiheit vorleben können, die wir uns selbst erlauben.

Vielleicht geht es bei Dark Romance gar nicht um Dark Romance.

Vielleicht geht es darum, dass Frauen sich zum ersten Mal trauen zu fragen:

Wer bin ich eigentlich, wenn ich aufhöre, die Frau zu sein, von der alle erwarten, dass ich sie bin?

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